Eine düstere Geschichte im hellen Schlosshof Zum zweiten Mal wird auf Schloss Hallwyl eine Oper aufgeführt: Georges Bizets selten gespielte «La jolie fille de Perth».
Konrad Rudolf Lienert (Tagesanzeiger, 22.07.2006) Eine lange Reise führt vom schottischen Hochland, gesehen mit den Augen des frühen 19. Jahrhunderts, bis in den Hof des kürzlich renovierten Schlosses am Hallwilersee. Der ist für die düstere Story, die Walter Scott um Machtkämpfe, Männerrivalitäten und den erotischen Besitzanspruch eines lokalen Adligen geschrieben hat, einfach ein wenig zu hell, zu heiter. Die Musik, die Georges Bizet, noch nicht im Vollbesitz seiner «Carmen»-Sprache, aber auf dem Weg dorthin, zu einem die scottsche Vorlage ziemlich verformenden Libretto geschrieben hat, passt schon eher in diesen Sommerabend. Allerdings macht die Platzierung des Orchesters in der Höhe, seitlich zur Freilichtbühne, die enge Verbindung zwischen Singstimmen und Instrumentalklang zuweilen schwierig. Manchmal leidet auch die Präzision darunter. Respektabler Einsatz des Ensembles Dabei hat man offensichtlich keine Anstrengung gescheut, Bizets nicht oft gespielte Oper in die Gegenwart hineinzuretten. Das Team um den Regisseur Peter Schweiger und die Dramaturgin Regina Heer hat sogar eine Neuübersetzung des Textes ins Deutsche produziert - um die Geschichte zu versachlichen und sie uns damit näher zu bringen. Aber der Plot um die zunächst unentschiedene junge Frau, ihre vermeintliche Untreue gegenüber ihrem von der grossen Liebe träumenden Verehrer und ihre kurzzeitige Flucht in den Wahnsinn ist für unsere Lebensabschnittspartnergesellschaft schwer nachvollziehbar. Und die Verknappung der Sprache hat ihn nicht kantabler werden lassen. Der Einsatz des Ensembles, das sich dank der Initiative des Vereins Oper Schloss Hallwyl für diese - nach der «Entführung aus dem Serail» von 2003 - zweite Produktion zusammengefunden hat, ist dabei höchst respektabel. Das Aargauer Symphonie-Orchester unter Douglas Bostock spielt seinen Bizet sauber, klar konturiert, auch hier geht Sachlichkeit vor Romantik; das Gleiche gilt für den kleinen, von Jürg Hämmerli einstudierten Chor. Solistinnen und Solisten bemühen sich, den nicht immer leichten Ausgleich zwischen schauspielerischer Rollengestaltung und vokaler Präsenz zu finden. Und die Inszenierung? Peter Schweiger versucht, wie gesagt, uns zu suggerieren, die Geschichte könnte, mehr oder weniger, so auch in unserer Epoche passieren, sucht, aus den Bühnenfiguren heutige Menschen werden zu lassen. Das stösst ganz klar an Grenzen, Typen wie den von der Realität abgeschirmten Fürsten gibts nur noch in der Boulevardpresse, eine Zigeunerin wie Mab, die wie eine Carmen-Vorläuferin anmutet, gar nicht mehr. Da hat man denn halt mit modischen Accessoires, mit der Digi-Kamera, der Vespa, dem Golfklubzubehör einen Ausgleich gesucht, und die Bühnengestaltung (Simone Baumberger, Ueli Binggeli) beeindruckt mit abstraktem Lichtdesign. Die Kostüme (Bernhard Duss) schliesslich, alltagsnah auf der einen, überkandidelt auf der andern Seite, bringen das Ganze optisch ins Pendeln zwischen Drama und Operette. Weitere Aufführungen bis 19. August. Programm: www.operschlosshallwyl.ch
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