Musik, Spielball der Macht Klangnovember Aarau Wie viel Machtspiele erträgt Musik? Das fragte sich das ASO. Antwort? Offenbar doch recht viel. Stephan Thomas (AZ, 7.11.06) Feld-, Wald- und Wiesenprogramme sind out. Auch beim Aargauer Symphonie-Orchester, das am Sonntag im Aarauer Kultur- und Kongresshaus den zweiten Zyklus des Jahrgangs 2006/2007 eröffnet hat und gleichzeitig den Aarauer Klangnovember einläutete. Formal präsentierte es zwar ein klassisch zusammengesetztes Programm mit Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie, doch gab es mehrere inhaltliche Bezüge, die dem Ablauf inneren Zusammenhalt gaben und zum Thema «Macht der Musik, Musik des Widerstandes» passten. Da war zunächst die Hommage an die Jubilare Mozart und Schostakowitsch, was allein noch nicht besonders originell gewesen wäre. Interessanter war die thematische Klammer, die das Motto «Macht und Musik» um den Konzertabend legte. Musik im Spannungsfeld von künstlerischem Freiheitsanspruch und Begehrlichkeiten der Machthaber: Schostakowitsch unter der Fuchtel von Stalin, Mozart unter jener seines Salzburger Dienstherrn Erzbischof Colloredo (doch wer war im Ancien Régime schon nicht mehr oder weniger unter jemandes Fuchtel?). Bleibt Bernstein, der zu Beginn auch noch mit drei Tänzen aus «On the Town» zum Zug kam: vielleicht waren die Zwänge, die vom amerikanischen Publikum ausgingen, oftmals nicht weniger tyrannisch als jene auf der andern Seite des Eisernen Vorhangs. Vor dem Konzert hatten sich Verena Naegele und Jürg Schärer, Präsident des ASO-Trägervereins, vor zahlreichem Publikum über die Thematik unterhalten. Tiefgründig - und auch nicht gleich zu beantworten - war hier die Frage, wie Schostakowitsch trotz den zahlreichen Rücksichtnahmen auf die Wünsche des stalinistischen Regimes zum erfolgreichsten Sinfoniker des 20. Jahrhunderts werden konnte, als der er heute unbestritten gilt. Im Konzertsaal bot das ASO ein abwechslungsreiches Musik-erlebnis, das in Schosta kowitschs farbenreicher und rhythmisch profilierter 9. Sinfonie gipfelte. Nicht alle Kommentatoren mögen in diesem Werk zu viel schostakowitschsche Doppelbödigkeit orten. Nach Peter Zacher dominiert vielmehr die «freundliche Unterhaltung auf höchstem Niveau», und genau diesen Tonfall wusste das ASO trefflich in Szene zu setzen. Zuvor hatte Hiroko Sakagami als Solistin von Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert überzeugt, jenes innovativen Werks, das früher «Jeunehomme» benannt wurde, nach neuesten Forschungen aber nun den Namen Victoire Jenamys trägt, für die es seinerzeit bestimmt war. Sakagami interpretierte das Konzert auf eine engagierte, aber stets unaffektierte Art, die das (vermeintlich) Mühelose von Mozarts Musik in den Mittelpunkt stellte. Nicht minder gut gelangen ihr aber auch die düsteren Stimmungswerte des Moll-Mittelsatzes. Als «Captatio benevolentiae», will heissen als Spässchen zu Beginn, um die Gunst des Publikums zu sichern, fungierten die schon erwähnten Bernstein-Tänze. Dass die Stückwahl für diesen Zweck ideal war, zeigte auch das verschmitzte Lachen, das auf den Gesichtern der meisten Orchestermusiker auszumachen war. Wiederholung Heute, 20 Uhr, KuK Aarau; Mittwoch, 20 Uhr, Trafohalle Baden.
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