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ASO-Portrait/Fotos

Danke für die Überforderung

 

Aargauer Zeitung, 29. April 2013, von Christian Berzins

 

Nichts Leichteres als ein Festkonzert: Man setzt Beethovens Neunte an oder – wird ein 50. Geburtstag gefeiert – seine Fünfte, das 5. Klavierkonzert und dazwischen eine zeitgenössische Schmonzette. Der Jubel zum Schluss ist riesig, die Gemeinde wechselt erholt zum Apéro über, das Konzert ist spätestens nach dem zweiten Glas Weisswein vergessen. Wie anders gestern Abend beim
Jubiläumskonzert zum 50. Geburtstag des Aargauer Symphonie Orchesters (ASO): Erschöpfung machte sich nach zweidreiviertel Stunden breit – aber auch eine tiefe Glückseligkeit. Das ASO hatte nämlich ein Programm gespielt, das in seiner anmassenden Werkwahl eine famose Ungeheuerlichkeit darstellte. Nichts von Beethoven wurde gespielt, Zeitgenössisches allerdings durchaus, aber von wegen Schmonzette: Insgesamt fünf Werke des Abends stammten aus dem 20. Jahrhundert, alle komponiert von Aargauer Komponisten, eines von Dieter Ammann (*1962) aus dem 21. Jahrhundert.

 

Auf dem Emotionsparcours

Das war eine Herausforderung für das Publikum, gewiss, aber noch viel grösser war die Herausforderung für das ASO: Kein Werk gehört zum Kanon, viele Musiker sahen die Noten dieser Tage wohl das erste Mal auf ihrem Pult. Dieter Ammanns «Turn» wurde nach der Uraufführung in Luzern erst das zweite Mal überhaupt aufgeführt. Das ASO liess sich auf diesen Emotionsparcours ein, blieb aber durchwegs hellwach. Genoss man in Ernst Widmers «Quasars» op. 69 hörbar das Klangbad, kostete man in Heinrich Sutermeisters «Marche fantasque» das sinnliche Drängen aus. In Peter Miegs «Concerto da Camera» für Streicher, Klavier und Pauken integrierte sich Pianist Rafael Rütti still, fast heimlich in das Orchester und setzte alsbald Akzente, gab neue Impulse, so, dass die Effekte tollkühn ausgereizt wurden.
Einen Dirigenten, der dieses Mammutprogramm – darin auch Werke des Aarauer Janos Tamas und des Zofingers Walther Geiser – dirigieren kann und will, muss man erst mal haben. Douglas Bostock, ASO-Chefdirigent und grosser Techniker, meisterte den Abend bravourös und zeigte, wie tief er dem ASO und dessen Tradition verbunden ist. Der Brite führte nicht nur präzis durch jedes dieser heiklen Werke, sondern schien jedem seinen ureigenen Charakter und Klang zu schenken. Und wie liebevoll und treffend er das Publikum mit wenigen Worten auf das Werk von Dieter Ammann vorbereite, war hinreissend. Eine bunte Festgemeinde erlebte einen Abend, der überforderte, aber unvergesslich bleibt, da er einzigartig und unverwechselbar war. Das Aargauer Symphonie Orchester zeigte sich, wie von ASO-Präsident Jürg Schärer gewünscht, als eine für den Aargau Identität stiftende Marke. Dieser Klangkörper verdient weiterhin viel Respekt und Zuspruch – von der Politik wie vom Publikum.
Und keine Angst: Man wird auch wieder Beethoven spielen. Aber der gehört hier zum Alltagsprogramm.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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