"Es gibt nur G-Musik, will heissen: Gute Musik!"
Das Aargauer Symphonie Orchester spielt Rockmusik. Ein Gespräch mit Chefdirigent Douglas Bostock
(Aargauer Zeitung, Tom Hellat, 10. Mai 2012)
Ihr epochales Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» eröffneten die Beatles mit dem Gesumme eines stimmenden Orchesters. Eine symbolische Wahl: Immer, wenn der kurzlebige Pop ernst genommen werden will, wirft er sich der Klassik an die Brust. Wie ist es aber umgekehrt? Wenn sich ein ganzes Sinfonieorchester an die Brust von Pop und Rock wirft und in voller Grösse ein «Stairway to heaven» von Led Zeppelin intoniert? Das Aargauer Symphonie- Orchester (ASO) gibt Antwort.
Es hat in die sonst üblichen «Puderperücken- Programme» von Bach bis Mozart ein paar Rocker-Strähnen reingezwirbelt und veranstaltet einen ganzen Konzertabend unter dem Titel «Symphonic Rock». Begleitet wird das Orchester von einer Rhythmusgruppe mit Drum-Set, E-Gitarre und Keybord. Vorbild dafür ist das London Symphony Orchestra, dessen Rockadaptionen dem Orchester neue Publikumsschichten erschlossen.
Das liegt durchaus auch in der Absicht von Douglas Bostock, des Chefdirigenten des ASO: «Reissen wir doch die Schranken zwischen Pop und Klassik nieder. Neue Stile zu entdecken, ist immer interessant.»
Auf dem Programmzettel stehen nun Rocksongs wie «Layla» von Eric Clapton oder Pink Floyds «Another brick in the wall». Es gilt für das ASO also nicht, die hehren Höhen einer Beethovensymphonie zu erklimmen, sondern über berühmte Poplieder zu surfen. Ein Konzertabend mit Sinfonieorchester ganz ohne Kontrapunkt und motivisch-thematische Arbeit? Musik ist Musik ist Musik. Oder wie es Bostock sagt: «Es gibt keine U-Musik oder E-Musik, nur G-Musik, will heissen: gute Musik.»
Stilistische Umstellung
Am besten funktionieren die Orchesterversionen der Rocksongs dort, wo das Original schon eine grossformatige Umsetzung nahelegt, etwa in der «Bohemian Rhapsody» der Beatles oder bei «Medley» von Abba, das in einer aufgedonnerten Version im sinfonischen Rüschchen-Kleid neu erstrahlt. Hier liegt laut Bostock eine sinfonische Variante nahe: «Einige Stücke sind zwar nicht orchestral gedacht, hätten aber, was die musikalische Substanz betrifft, durchaus sinfonisches Format». Und um die Wucht eines «Beat it» von Michael Jackson auszudrücken, kann man gar nicht genug Musiker haben.
Da bieten sich die über vierzig Instrumentalisten eines Sinfonieorchesters geradezu an. Fürs Orchester bedeuten die Popmusik-Transkriptionen von Mike Townend keine technische Umstellung, wohl aber eine stilistische und atmosphärische, wie der Dirigent berichtet.
Das Aargauer Symphonie-Orchester setzt sich quasi an die Cocktailbar, malt sich ein Tattoo auf und leiht alten Rockstar-Stimmen ihren Klangkörper. Damit das nicht gekünstelt wirkt, muss man sich die Lockerheit eines Popmusikers aneignen. Harte Arbeit eben. Mit dem Ziel, dass da Rocklegenden nicht zu braven Klassikmäuschen umgeschminkt werden, sondern ihre Songs als das ertönen, was sie sind: schlicht und einfach G-Musik.