Länger als «Tagesschau», kürzer als «Tatort»
Aargauer Lehrergesangvereinigung gestaltete mit dem Aargauer Symphonie Orchester zwei Konzerte.
(Aargauer Zeitung, Franziska Frey, 1. November 2011)
Des Schweizers liebster Zeitvertreib am Sonntagabend? Ein Fernsehabend mit der «Tagesschau» und dem anschliessenden «Tatort»? Einen ähnlichen Gedanken könnte den Dirigenten des Abends, Michael Schraner, beim Verfassen des Vorwortes im Programmheft umgetrieben haben. Der musikalische Spannungsbogen der diesjährigen Konzerte dauere «länger als die ‹Tagesschau›», aber «kürzer als der ‹Tatort›». Wer nun am Sonntagabend anstelle des Fauteuils eine Kirchenbank in der Stadtkirche Zofingen gewählt hatte, durfte sich glücklich schätzen.
Energischer Beginn
Empfangen wurde man mit den prägnanten ersten Takten der Coriolan- Ouvertüre von Ludwig van Beethoven. Die Ouvertüre mit ihrem dramatischen Impetus bot dem Aargauer Symphonie-Orchester (ASO) Gelegenheit, sich in bestem Lichte zu präsentieren. Mit vollem und dunkel gefärbtem Klang kündigte es zupackend und präzis die folgenden Akkorde an. Michael Schraner wählte einen energischen Beginn, dessen kraftvolles Streben in den lyrischen Passagen jedoch stark abgeschwächt und daher etwas statisch wurde. Erschwerend kam die sehr vollmundige Akustik dazu, deren Klangfülle viele Details zu verschlucken drohte – eine Schwierigkeit, mit der während des ganzen Abends zu kämpfen war.
Auf das aus dem dramaturgisch Vollen schöpfende Eröffnungsstück folgte die Beethoven-Kantate «Meeresstille und Glückliche Fahrt» und damit der erste Einsatz des Chores in zurückhaltendem Pianissimo. Die Aargauer Lehrergesangsvereinigung (ALGV) erfüllte den hohen Kirchenraum in ihrer Skizzierung vom «ruhenden Meer» mit warmen Farben. Gespannt war man auf die Stelle, wo in Goethes Gedicht die «ungeheure Weite» besungen wird. Diese ist als fast unvermittelte Auffächerung der Stimmen gesetzt, was die Sänger und Sängerinnen lustvoll und gekonnt auskosteten.
Einführung vor dem Konzert
Seit Michael Schraner den Chor 2005 übernommen hatte, ist es zur Tradition geworden, vor den Konzerten Einführungen anzubieten. Die Idee dahinter ist, dass auch Gelegenheitsbesucher eine Art Schlüssel zum Hören der Stücke bekommen. Doch auch ohne etwas vom zentralen Werk des Abends zu wissen, ist das Requiem in c-Moll von Luigi Cherubini eine überwältigende Musik. Ihr innig- dunkler Anfang, der vom Aargauer Symphonie-Orchester gut intoniert und stimmungsvoll umgesetzt wurde, steigert sich allmählich hin zu den Kyrie-Rufen des Chores. Die ALGV zeigte sich in diesem Beginn als klangstarkes und agiles Gebilde. Einzig dessen Einheit litt etwas in der Behandlung der Sprache, der Deutlichkeit der gemeinsamen Artikulation, was wiederum den akustischen Umständen entgegengekommen wäre.
Dann zeigte sie sich im «Dies Irae» wieder: diese Dramatik, die dem gesamten Konzertabend seine wuchtig- fesselnde Wirkung verschaffte. Es offenbarten sich hier jedoch auch einige Abstimmungsprobleme zwischen den beiden Klangkörpern, die aber spätestens im dynamischen Anund Abschwellen zu den Worten «Lacrimosa» und «Amen» wieder zusammenfanden. Überhaupt waren die stets achtsamen Ausdeutungen ein Genuss.
Energie für den Schluss
Dass auch die Agilität des grossen Chores ausgezeichnet war, zeigten die Fugen im «Offertorium», deren Temposteigerung bestens gelang. Daraufhin vermochten sich jedoch sowohl Orchester wie Chor für das «Pie Jesu», einen demütig ruhenden Moment auch in Cherubinis Requiem, nicht mehr ganz zu sammeln. Die kleinen Unsauberkeiten waren aber wie weggewischt, als alle Beteiligten noch einmal Energie für das abschliessende «Agnus Dei» mit seinem Pianissimo-Schluss absoluter Verinnerlichung zu bündeln wussten. Damit neigte sich der Bogen eines an Spannung reichen Konzertabends seinem Ende zu – da hätte kein noch so guter «Tatort» mithalten können.