Prickelnder Eros und Flirt mit dem Kitsch
Das Aargauer Symphonie Orchester überzeugt mit Brahms und einer Wiederentdeckung.
(Aargauer Zeitung, Tom Hellat, 15. November 2010)
Für romantisch veranlagte Pianisten ist Brahms’ d-Moll-Konzert das ideale Betätigungsfeld. Im ersten Satz gibt es mächtig Gelegenheit, sich auszutoben, im zweiten darf das Herz überquellen, und mit einem gesunden Spieltrieb kommt man auch durch das Finale. Der dreiviertelstündige Brocken, mit dem der damals 26-jährige Brahms die Grenzen der Gattung sprengte, ist ein Fall, bei dem man mit dem Kopf nicht bloss gegen die Wand rennt, sondern auch durchkommt. Leider aber erstarren die meisten Pianisten vor dem Namen Brahms in Ehrfurcht und haben offenbar automatisch das Bild eines etwas phlegmatischen älteren Herrn mit langen Haaren vor Augen.
Brahms gänzlich ohne Vollbart
Der Aargauer Pianist Oliver Schnyder allerdings spielt seinen Brahms am Freitag in Baden gänzlich ohne Vollbart: Frisch sind die Tempi, die herausfordernden Gesten des Klaviers im ersten Satz besitzen Feuer und das beseelte Thema des Adagio religioso köchelt nicht auf Sparflamme. Der Solist vermeidet übertriebenes Pathos und jedwede rhythmische Überbetonung, sondern legt vielmehr gesteigerten Wert auf das Melos. Fabelhaft zum Beispiel, wie er gleich zu Beginn unter dem zarten Kopfthema die Basstöne singen lässt, die in federnder Form später den musikalischen Protagonisten auch in himmelhohen Gesängen geerdet sein lassen. So werden sie subtil sichtbar, die weltanschaulichen «Bleifüsse» Brahms’.
Auch der Ton des Aargauer Symphonie- Orchesters steht auf breiten Bassschultern und überbrückt so eine gewisse Trockenheit, die aber nicht stumpf klingt, mit einer aufblühenden,luziden Klangkrone. Alldie typisch Brahms’schen Verästelungen werden damit sichtbar.
Und trotz dieser ähnlichen Klanggestaltung treffen sich Solist und Orchester in diesem sinfonischen Konzert nicht immer. Wenn etwa im religiösen Adagio nach den langen Soli das Orchester die Stimme des Pianisten aufnimmt, überrascht der etwas harte Anschlag gegenüber dem Klangzauber am Klavier. Da ists, als entdeckte man unter dem schwebenden Gewand einer Grazie plötzlich die Bocksbeine eines Pan. In Dvoraks Othello-Ouvertüre aber kommt das Orchester ganz ohne Faune aus. Dafür zeigt sich der Eros von seiner dunkelsten Schattenseite: der Eifersucht. Scharf schält das Orchester schon im ruhevoll dahinströmenden Einleitungschoral schrille Misstöne heraus, die einen unheilvollen Verdacht nähren. Wunderbar, wie hier der Klang des Orchesters changiert zwischen aufbrausender Liebeskraft und rasender Eifersucht.
Musik von Heinrich Sutermeister
In Heinrich Sutermeisters Opernsuite «Romeo und Julia» wird dann die Liebe von ihrer schillernden Seite gezeigt. Das Aargauer Symphonie-Orchester feiert mit dieser Aufführung den 100. Geburtstag des Aargauers, der einst der meistgespielte Opernkomponist Europas war! Sutermeisters Musik wirkt immer plastisch und reflektiert funkelnd die Stimmungender Protagonisten. Da klingt in der Celesta ein naives Kinderliebeslied an, das von den Geigen gutgeheissen und humanisiert wird. Doch dann schnüren Dissonanzen und kirmesartige Klangmassen das Thema ein, bis es nicht mehr atmen kann, erdrückt vom taumelnden Schicksal. Und doch: Gegen Ende taucht es wieder auf, erschöpft und geschlagen, aber immer noch lächelnd blickt es scheu ins Publikum.
Souverän versteht das Orchester unter der Leitung von Douglas Bostock, solche vielschichtigen Einflüsse herauszudestillieren. Vom naiven Tanz bis zum pochenden Ostinato, von der romantischen Kantilene bis zur bitonalen Geräuschfläche, vom jazzig klimpernden Klavier bis zur grellen Blechbläserfanfare geschieht alles immer und unbedingt mit Blick auf die szenische Wirkung. Bostockzeigt Sutermeister als Effektmusiker ersten Ranges. Der theatralischen Schlagkraft ordnet er in der farbenreichen Partitur alles unter. Sogar ein Flirt mit dem Kitsch ist da erlaubt.