Leuchtkraft
Das Aargauer Symphonieorchester in der Tonhalle
(Neue Zürcher Zeitung, Thomas Schacher, 23. März 2010)
Welch eine Überraschung: Das Aargauer Symphonieorchester (ASO) tritt in der Tonhalle Zürich auf, und der Saal ist ausgebucht. Das Publikum stammt aber nicht primär aus dem Aargau, sondern aus der Agglomeration Zürich. Denn das ASO hat das Programm mit Beethovens Sechster und dasjenige mit Liszts Klavierkonzert zuvor schon an diversen Orten des Kantons Aargau gespielt. In der Tonhalle jedoch ist das Orchester vom Theaterclub Zürich engagiert.
Der Besuch lohnt sich jedoch nicht nur wegen ermässigter Preise, sondern vor allem aus künstlerischen Gründen. Denn seit der britische Dirigent Douglas Bostock 2001 die Leitung übernommen hat, hat sich das ASO zu einem leistungsfähigen Klangkörper entwickelt. Zu sehen und zu hören ist dies schon bei Franz Schuberts «Rosamunde»-Ouvertüre. Präzision im Rhythmischen, Transparenz im Melodischen und Spannkraft im Formalen ziehen sich von den ersten Takten bis zum Schlussakkord. Auch bei Beethovens Pastoral-Sinfonie werden diese Eindrücke bestätigt. Douglas Bostock führt mit klaren Handzeichen und stellt die Einzelheiten in den Dienst des formalen Zusammenhangs. Die Kulminationspunkte werden deutlich herausgearbeitet, ohne dass dabei übertrieben wird, nicht einmal im «Sturm»-Satz. Die «Pastorale» erscheint in dieser Interpretation als das Gegenstück zur dramatisch aufgeladenen fünften Sinfonie: als ein Bilderbuch voller Natureindrücke, die in den leuchtendsten Farben geschildert werden.
Den 32-jährigen Russen Sergey Koudriakov kennt man in Zürich als Gewinner des Concours Géza Anda von 2006. In Franz Liszts erstem Klavierkonzert bestätigt der Pianist, dass er ein brillanter Virtuose ist, der mächtig auftrumpfen kann, dem aber auch die lyrischen Seiten eines Werks hervorragend gelingen. Dennoch meistert Koudriakov den technisch schwierigen Part nicht ohne Fehler, und die Anstrengung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Im Wechselspiel zwischen dem Solisten und dem Orchester zeigen sich einige Ungenauigkeiten rhythmischer Art, und gelegentlich müsste der Begleitkörper noch etwas zurückhaltender auftreten. Für den Applaus bedankt sich Koudriakov mit Liszts Klaviertranskription von Schuberts «Erlkönig». Atemberaubend, wie er da die jagenden Tonrepetitionen hinschmettert.
Zürich, Tonhalle, 21. März.