Diese «Verkaufte Braut» ist top Im Schlosshof Hallwyl wird Peter Schweigers Inszenierung der beliebten Smetana Oper bejubelt (Aargauer Zeitung, Elisabeth Feller, 26.07.2009) Auch beim dritten Mal erweist sich der Schlosshof Hallwyl als famose Spielstätte für Opern: Selbst der Regen trübte die Freude der Premierenbesucher an der verkauften Braut nicht.
Nicht schon wieder ein Baugerüst, stöhnt man innerlich auf. Davon gibts derzeit doch genug. Weil man aber weiss, dass im Schlosshof Hallwyl Bedrich Smetanas beliebte Oper «Die verkaufte Braut» gespielt wird, akzeptiert man das mächtige Gerüst als Bühnenbild. Sein Schöpfer, Bert De Raeymaeckers, kontrastiert das alte Gemäuer mit einem kalt wirkenden Gestänge. Weit in die Höhe gezogen, eröffnet es mannigfache Spielebenen. Doch passt dieser Bühnenraum zu einer Geschichte, die laut Libretto in einem böhmischen Bauerndorf spielt? Ja, denn in Peter Schweigers Inszenierung gibt es gar kein solches Dorf. Der Hallwyl- erprobte Regisseur hat die Handlung in die Gegenwart verlegt – mitten in den malerischen Hof eines Schlosses, das zum Verkauf steht, da sein Besitzer Micha pleite ist. Mit diesem klugen Schachzug umschifft Schweiger die gefährlichen Klippen einer Oper, die oft bloss auf ihre folkloristischen Elemente reduziert wird. Bernhard Duss’ Kostüme greifen zwar auf diese zurück, doch sie werden witzig verfremdet – wie mit den schrill-farbenen Socken, die Marie zu ihrem trachtenähnlichen Kleid trägt. Die Abkehr vom Folkloristischen trägt in dieser Inszenierung schöne Früchte. Die Bauern werden bei Schweiger zu einem Chor kommentierender Bauarbeiter in einer kriselnden Wirtschaft. Der junge Jenik ist Teil dieser Gemeinschaft, ist ihr aber auch fremd. Mit Bart und wucherndem Haarschopf verweist seine Erscheinung auf eine exotische Herkunft. Marie liebt Jenik, liebt ihn auch deshalb, weil sie sich mit ihm eine hoffnungsvollere Zukunft verspricht. Jeniks Gegenspieler ist Vasek, der Marie heiraten soll: ein stotternder Jüngling in blau-weiss gestreiftem Anzug und weissen Schuhen – ein Söhnchen, das ohne «Hotel Mama» verloren ist. Wirklich? Fast am Ende der Oper probt er den Aufstand. Vasek lässt sich von einem Zirkus als Bär-Darsteller verpflichten. Liebesgeschichte, Intrige, riskantes Spiel um eine verschleierte Identität und Artistik bilden in Smetanas Oper eine heikle Melange. Peter Schweiger verquickt die heiteren und die tränenumflorten Elemente nun aber so, dass die einen die anderen bedingen. Die Personen sind bei Schweiger bemerkenswert natürlich und nehmen das Gerüst wie das Holzgeviert auf dem Kiesboden wirkungsvoll in Besitz. Und: Sie strahlen jene emotionale Echtheit aus, die unmittelbar berührt und damit die Handlung plausibel macht. Schweigers nie klotzende Kunst besteht darin, die Konvention des Lustigen mit der Entdeckung des weniger Harmlosen (der Chor ist Instanz und nicht Dekor) zu vereinen. In diesem Sinn agiert auch das Aargauer Symphonie-Orchester (ASO). Smetanas Musik strömt unter Douglas Bostocks Dirigat unwiderstehlich – aber mit wie feinen Nuancen im Klanglichen und in den Tempi! Bostock kostet die Melodienseeligkeit zwar aus, doch nie gefühlig, sondern gefühlvoll. Er vertraut zudem auf die Inspiration des Augenblicks, da er auf ein vorzügliches Orchester und famose Solisten zählen kann. Prachtvolle Melos entfalten Frauke Schäfers Marie und Philip O’Briens Jenik. Nichts wirkt bei ihnen «gespielt», alles steht im Dienste einer ungespannten, bewegenden Ernsthaftigkeit. Eine Gratwanderung bewältigt Richard Ackermann: Er stattet den Heiratsvermittler Kecal mit schwarzer Tiefe aus – ist aber kein Bösewicht, sondern ein Windhund. Ein Kabinettstück liefert Mark Calvert als Vasek. Sein Stottern ist nicht etwa eine Lachnummer, sondern Ausdruck eines Verklemmten.
Die Genannten bilden mit Brigitte Imber (Ludmila), Jens Müller (Krusina), Maja Hermann (Hata), Peter Mächler (Micha) und einem ebenso strahlkräftigen wie fein differenzierenden Chor (Jürg Hämmerli) jenes verschworene Ensemble, das dem Regen souverän trotzt: mit Smetanas Juwel. «Die verkaufte Braut» bis 22. August, www.operschlosshallwyl.ch << Zurück | |