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Medienmitteilungen
ASO-Portrait/Fotos

«Wieso sind manche Stellen so schwierig?»

 

Andreas Staier gehört seit 30 Jahren zu den herausragenden Hammerklavierkünstlern der Welt. Nun spielt er mit dem Aargauer Symphonie-Orchester (ASO) - auf einem traditionellen Flügel.

 

(Aargauer Zeitung, Christian Berzins, 10.01.2009)

 

Andreas Staier, Sie sind seit Jahren sehr erfolgreich, haben mehr als 50 CDs eingespielt. Wuchsen Sie zu einer idealen Zeit in das Musikleben hinein?
Andreas Staier: Junge Musiker, die heute ihr Studium beenden, haben es sicher schwerer als meine Generation in den 80er- Jahren. Es war damals einfacher, eine Karriere zu starten und sich in mehreren Ländern einen Namen zu machen: Es gab damals viele Labels und die Plattenfirmen hatten grosse Mittel und Möglichkeiten. Dank den vielen CDs kannten die Leute die Künstler irgendwo in Spanien, auch wenn sie dort noch nie gespielt hatten. Aber diese Vorteile hatten nichts mit meiner Beschäftigung mit alter Musik zu tun.

 

Aber zwanzig Jahre früher, in den 60er-Jahren, gab es die Spezialisten der alten Musik ja auch schon, aber fast keiner kannte sie.

Staier: Da hat sich viel geändert. Solche Bewegungen sind irgendwann reif, plötzlich kommen viele Leute von unterschiedlichen Gedankengängen auf ungefähr das Ähnliche: Man überlegte, wie man der Barockmusik besser oder anders gerecht werden kann.

 

Gab es ein Urerlebnis, das Sie zur alten Musik brachte, zum Cembalo- und Hammerklavierspezialisten machte?

Staier: Zum einen hatte ich in Hannover mit Lajos Rovatkay einen fantastisch kreativen Cembalo-Lehrer, über den ich unglaublich wichtige Eindrücke und bleibende Anregungen erhielt. Zum anderen war es die Neugier auf die Instrumente › auf Cembali wie auf die Hammerklaviere. Ein bleibendes Aha-Erlebnis war die erste Bekanntschaft mit einem originalen Wiener Flügel in einem Museum in Antwerpen. Dieser Flügel hat mir in Sekundenschnelle alles erzählt, worüber ich auf dem modernen Flügel unglücklich war, ohne zu wissen warum: Wieso sind manche Stellen bei Schubert so schwierig zu spielen und wieso gefällt es mir nie? Natürlich hat man immer auch an seiner eigenen Technik etwas auszusetzen. Aber dank diesem Instrument erfuhr ich, dass nicht alles meine Schuld war.

 

Sie hatten demnach ein Instrument gefunden, um Schubert richtig zu spielen?

Staier: «Richtig» klingt rechthaberisch. Ich versuche, die Musik so lebendig wie möglich sprechen, tanzen und singen zu lassen. Das erschien mir damals auf historischen Instrumenten einfacher. Es ist kein originärer Ansatz zu sagen: «Ich will das machen, weil es richtig ist.» Das ist ein Antrieb für einen Naturwissenschafter. Wir Künstler beschäftigen uns hingegen mit ästhetischen Dingen. Es hat keinen Wert, etwas «richtig» zu machen, wenn es langweilig ist.

 

Der Hammerflügel löste gewisse Schubert-«Rätsel». Ihr Kollege András Schiff sagt: «Konsequenterweise müsste ich Mozart oder Beethoven auf dem Hammerklavier spielen. Aber wenn jemand sehr gut Klavier spielen kann, geht es auch auf dem modernen Flügel.» Teilen Sie diese Ansicht?

Staier: Schiff ist ein interessanter Fall - auch mit dieser Aussage: Jahrelang hat er gegen Leute polemisiert, die ihre Zeit damit verschwenden, mit Cembali und Hammerflügel Musik zu machen. Und jetzt hat er offenbar Pläne, auf dem Hammerflügel CDs einzuspielen. Aber er hat recht: Ein guter Musiker auf einem modernen Flügel ist allemal besser als ein schlechter auf einem Hammerklavier. Spannend wirds, wenn man Musiker von gleichem Niveau vergleicht.

Aber wenn jemand im Kopf offen ist für den Hammerflügel, warum soll er dann auf dem modernen Flügel spielen? Für Sie war diese Frage von einem gewissen Punkt an doch klar.

Staier: Ich habe nicht zu den historischen Instrumenten gewechselt, weil ich das moderne Klavier nicht leiden konnte › auch wenn bestimmte Dinge auf dem Hammerflügel zweifelsfrei besser gehen. Es war keine Entscheidung gegen den modernen Flügel, sondern eine Horizonterweiterung aus Neugier. Ich spiele ja nach wie vor auch Konzerte auf dem modernen Flügel.

 

. . . zum Beispiel bei den kommenden Konzerten mit dem Aargauer Symphonie-Orchester, bei denen Sie zusammen mit Antonio Piricone auftreten. Warum spielen Sie nicht mit dem Hammerflügel?

Staier: Ich habe es in meinem Leben zweimal versucht, mit dem Hammerklavier gegen ein traditionelles Orchester zu bestehen: Es geht nicht. Die alten Instrumente sind zu leise.

 

Tut es Ihnen denn nicht weh, wenn Sie nun ein Mozart-Klavierkonzert auf dem modernen Flügel spielen?

Staier: Nein, auch wenn ich bei einigen Stellen denke, dass sie auf dem Hammerflügel poetischer klingen würden. Ich finde es aber nun mal interessant, ab und zu mit modernen Orchestern zu spielen. Allerdings würde ich nie eine Mozart-Aufnahme auf dem modernen Flügel machen.

 

Wenn die historische Aufführungspraxis populär wird, droht Gefahr, dass sie «historisch weniger korrekt» ist. Mit einer echten Barockgeige kann man in einem grossen Saal kaum bestehen. Wie ist es mit dem Cembalo oder Hammerflügel?

Staier: Ist der Saal gut, kann er durchaus auch mal etwas grösser sein. Entscheidend ist, ob ich ein Solorezital oder ein Konzert mit Orchester spiele: Bei Solorezitals sind die Hörer in den ersten 10 Minuten über den geringen Schalldruck fast immer befremdet, danach gewöhnen sich die Ohren daran. Problematisch ist es hingegen, Klavierkonzerte in grossen Sälen zu machen. Gegen das Ungleichgewicht zwischen Orchester und Soloinstrument ist kein Kraut gewachsen › ausser man verstärkt das Klavier. Aber die Problematik ist heute nun mal eine wirtschaftliche: Der Veranstalter kann es sich nicht leisten, mit einem Orchester und einem Solisten in einen Saal für 200 Leute zu gehen. Wir gehen Kompromisse auf den unterschiedlichsten Ebenen ein.

 

Zur Person

Andreas Staier wurde 1955 in Göttingen geboren. Er war drei Jahre lang Cembalist des Ensembles Musica Antiqua Köln. 1986 begann er seine Solistenkarriere als Cembalist und Pianoforte-Spieler. Staier gastiert heute bei den internationalen Musikfestivals und hat rund 50 CDs eingespielt.

 

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